Ab wann können Babys sehen? – Entwicklung des kindlichen Sehens

Ab wann können Babys sehen oder ab wann nehmen Babys Dinge bewusst wahr? Babys sind in der Lage von Geburt an zu sehen, allerdings am Anfang noch sehr verschwommen. Ein Neugeborenes muss die Fähigkeit des Sehens erst noch erlernen; genauso wie das Sprechen oder die Motorik. So ist die visuelle Wahrnehmung abhängig von der altersgerechten anatomischen Entwicklung des Kindes, welche sich in den ersten Lebensjahren ausprägt. Aber genau da liegt auch die Schwierigkeit. Kinder können nicht kommunizieren, wenn sie schlecht sehen. Laufen die Mechanismen während dieser sensiblen Phase nicht korrekt ab, so kann sich ein Sehfehler entwickeln, welcher mitunter erst sehr spät festgestellt wird. Daher ist es umso wichtiger, dass Eltern in grundlegenden Dingen über die Entwicklung des Sehens ihres Kindes Bescheid wissen.


Die Entwicklung des kindlichen Sehens

Ab wann können Babys sehen? Das „visuelle Verständnis“ eines Kindes direkt nach der Geburt beträgt maximal 3% des einen Erwachsenen. Die Sehschärfe des Neugeborenen liegt unter 1%. Dies liegt daran, dass Neugeborene noch keine Makula (Stelle des schärfsten Sehens) im Zentrum der Netzhaut aufweisen. Diese muss sich erst noch ausbilden.

1. Lebensmonat (LM): Das Neugeborene sieht zunächst sehr unscharf und kann im Wesentlichen nur Hell- und Dunkel unterscheiden sowie Umrisse erkennen, welche starke Kontraste bieten. Es schafft gerade Mal sehr nahe Distanzen (maximal bis zu 20-30cm) wahrzunehmen, wie beispielsweise bis zum Gesicht der Mutter. Dies ist aber sehr wichtig für die erste Prägung zum Aufbau der Mutter-Kind-Beziehung.

2.  bis 4. LM: Das Baby kann nun Gesichtsumrisse oder grobe Strukturen und Muster wahrnehmen. Es beginnt sich auf die Augen der Eltern zu konzentrieren. In diesen Lebensmonaten beginnen sich die grundlegenden Fähigkeiten des Sehens auszubilden: Bewegungswahrnehmung, Einstellung der Augen auf die Nähe (Nahkonvergenz und Akkommodation), das Stereosehen sowie die Kontrastempfindlichkeit. Das Baby fängt zusätzlich an, bei hellem Licht mit den Augenlidern zu blinzeln.

5. LM: Es lächelt nun auch die Eltern bewusst an, was darauf hindeutet, dass es das Gesicht der Mutter/ des Vaters erkennt.

6. bis 7. LM: Die Auge-Hand-Koordination beginnt sich zu entwickeln. Das Kind fängt an gezielt nach Gegenständen zu greifen, die es erkennt und bald darauf auch festhalten kann. Zusätzlich beginnt es diese Gegenstände in den Mund nehmen zu wollen. Dieses „Abtasten“ mit dem Mund hilft der Erkennung und dem Erlernen von Formen, Tiefen und Umrissen. Das Kind legt hierbei einen Katalog im Gehirn über Formenerkennung an, welcher später unser Erkennen von Dingen speist. Ebenso lässt sich ab diesem LM die Entwicklung des Farbsehens zum ersten Mal messbar nachweisen. Kinder bevorzugen farbige Objekte vor grauen (deshalb ist Kinderspielzeug häufig bunt). Ebenso kann das Kind nun verschiedene Mimiken/ Emotionen desselben Gesichtes erkennen und unterscheiden.

8. LM: Das Kind erkennt mehr und mehr Details im Gesicht wie Nase oder Mund und kann auch schon vertraute von fremden Gesichtern unterscheiden. Hier kann auch das sogenannte Fremdeln beginnen.

11. LM: Das Kind hat nun die Fähigkeit entwickelt, komplexe mit dem Sehen verbundene Fähigkeiten zu koordinieren. Es kann jetzt auf Zuruf Sehaktivitäten von selbst starten. Fragen wie, „Wo ist Papa?“ können durch Umher blicken, suchen, finden, erkennen und mit dem Finger auf ihn zeigen, ausgeführt werden.

12. LM: Das räumliche Sehen ist jetzt so weit entwickelt, dass es Gegenstände in die Hand nehmen und weitergeben kann. Die Sehschärfe ist nun rasant auf bereits etwa 50 Prozent angestiegen.

14. LM: Das Kind kann nun die Blickrichtung eines Erwachsenen verfolgen.

Ab dem 2. Lebensjahr (LJ): Das Kleinkind kann nun emotionale Regungen wie beispielsweise Angst oder Freude vom Gesicht anderer erkennen und ablesen.

Ab dem 3. LJ: Die Empfindlichkeit auf Kontraste entspricht der eines Erwachsenen. Das Erlernen der perfekten Synchronisation zwischen beiden Augen spielt immer besser zusammen; dies ist wichtig für das räumliche Sehen.

Bis zum 5. LJ: Die wesentlichen Sehfähigkeiten sind angelegt, die Sehschärfe wird von Jahr zu Jahr immer besser und beträgt jetzt schon fast genauso viel wie bei einem Erwachsenen. Die periphere, also räumliche Wahrnehmung entwickelt sich bis etwa zum 8./9. LJ.

Ab dem 11./12. LJ: Die Sehschärfe sowie das räumliche Sehen haben sich vollends entwickelt und manifestiert. Das Gesichtsfeld gleicht nun dem eines Erwachsenen.

 

Vorsorgeuntersuchungen von großer Bedeutung

Für die Sehentwicklung des Kindes sind besonders die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt von großer Bedeutung. Vor allem die U5, U8 und U9 untersuchen das Kind auf eine normgerechte Entwicklung des Sehens und den daraus sich ergebenden grundlegenden motorischen, physiologischen und sozialen Anlagen. Aber auch eine Vorsorge-Untersuchung beim Augenarzt, auch ohne einen begründeten Verdacht, ist immer zu empfehlen. Spätestens ein halbes Jahr vor der Einschulung sollte jedes Kind eine Kontrolle beim Augenarzt oder speziell ausgebildeten Augenoptiker/ Optometristen erhalten haben. Im Fall eines bis dahin unerkanntem Sehfehler, wäre dann noch Zeit zur ersten Behandlung. Liegt seitens der Eltern oder Großeltern eine allgemeine systemische- oder eine chronische Augenerkrankung vor, so sollte das Neugeborene bis spätestens dem 12.ten LM augenärztlich vorgestellt werden. Dies gilt gleichermaßen für Frühchen und Neugeborene, dessen Eltern beziehungsweise Geschwister manifest Schielen.

Wurde seitens des Spezialisten festgestellt, dass das Kind einen Behandlungsbedürftigen Sehfehler aufweist, sollten die Eltern das Kind stets spielerisch motivieren die Brille regelmäßig zu tragen. Auch wenn das Kind versucht diese immer wieder abzusetzen. Zum anderen sollten die empfohlenen Nachkontroll-Termine eingehalten werden. Die erste Nachkontrolle sollte immer ein paar Wochen nach Erhalt der neuen Kinderbrille stattfinden, denn gerade bei weitsichtigen Kindern stellt sich eine Verbesserung des Sehens erst nach einer gewissen Tragezeit ein. Die Augenlinse entspannt erst langsam: die Akkommodation (Einstellung der Linse auf die Nähe) fällt dem Kind sukzessive leichter. Das Kind kann nun in der Nähe besser Sehen und sich besser konzentrieren. Oben genannte Symptome beim Nahsehen verbessern sich deutlich.

 

 

Die kindgerechte Sehstärkenbestimmung

Die Refraktionsbestimmung bei Kindern ist die Basis zur Beurteilung des visuellen Systems. Eine rechtzeitige Kontrolle der Sehschärfe und mögliche Fehlsichtigkeit gibt notwendige Informationen über den

Entwicklungsstand und die eventuelle Notwendigkeit weiterführender Untersuchungen beziehungsweise Behandlungen. Mit dieser Vorsorge bleibt eine Fehlsichtigkeit dann mit Sicherheit nicht unentdeckt und kann rechtzeitig korrigiert werden. Ab welcher Sehschwäche korrigiert werden sollte, wird innerhalb der Literatur und der Wissenschaft zum Teil kontrovers diskutiert. Hier gibt es leider keine übereinstimmenden Ergebnisse.

Grundlegend sollte festgehalten werden, dass immer dann eine Korrektur als zielführend zu betrachten ist, wenn die Entwicklung des Kindes ohne Korrektur gefährdet ist, die Gefahr der Entstehung einer Schwachsichtigkeit besteht sowie eine nicht altersgerechte Sehschärfe besteht. Refraktionsbestimmungen bei Kindern unterscheiden sich grundlegend von der Refraktionsbestimmung bei Erwachsenen. Ursache hierfür ist die unterschiedliche altersbedingte Kommunikationsfähigkeit sowie der Einfluss der Akkommodation. Um letztere besser einschätzen zu können, verabreicht der Augenarzt dem Kind Augentropfen, welche die Pupille erweitern aber auch die Fähigkeit der Akkommodation für einen kurzen Zeitraum ausschalten. Auf diesem Wege lässt sich der Sehfehler präziser bestimmen. Objektive Refraktionsbestimmungen sollten in jedem Falle das Verfahren der Wahl sein. Aber auch eine kindgerechte Altersdifferenzierung bei der Auswahl des Messverfahrens ist ganz wichtig. Im schlimmsten Falle können durch nicht altersentsprechende Teste, Fehlsichtigkeiten übersehen oder hinzugedeutet werden. Ein

Sehtest bei Kindern sollte immer in einer spielerischen Umgebung und vor allem schnell von erfahrenen Speziallisten durchgeführt werden. So lassen sich Fehlinterpretationen vermeiden. Die Basis einer jeden präzisen Refraktionsbestimmung bei Kindern sollte eine detaillierte Anamnese sein. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang ein vorher von den Eltern ausgefüllter Anamnesebogen, welcher vor der Planung und Ausführung der Teste mit den Eltern zusammen besprochen wird.

Fazit

Sehfehler bei Kindern können zum Teil lange unentdeckt bleiben und führen mitunter zu Verzögerungen oder gar Störungen in der Entwicklung des Kindes. Kontrollen beim Spezialisten sind immer ratsam. Wenn das Kind einen Sehfehler aufweist, welcher mit Brillen korrigiert werden muss, so gibt es speziell für jedes Lebensalter geeignete Kinderbrillen. In manchen Fällen ist auch eine Kontaktlinsen-Anpassung notwendig und möglich. Hierzu mehr im „Teil II – Korrektur von kindlichen Sehfehlern“, welcher im nächsten Monat erscheint. Für Eltern, welche zusätzliche Informationen wünschen, denen legt der Autor die https://www.kindundsehen.de ans Herz. Diese informiert nicht nur zum Thema, sondern gibt auch eine Auflistung der Bundesländer mit entsprechend spezialisierten und zertifizierten Kinder-Augenoptikern.

 


Eltern sollten in grundlegenden Dingen über die Entwicklung ihres Kindes Bescheid wissen

 

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